Noch einige Streiflichter zu den Oberschöneweider Kleingartenanlagen
Aus der Vielzahl der Ereignisse im Oberschöneweider Laubengebiet jenseits der Nalepastraße, Mentelinstraße und Rummelsburger Straße zwischen 1906 und heute nur einiges, was Sie, liebe Leserinnen und Leser eventuell auch interessieren wird.
Ab 1910 gab es den "Zucht- und Flugtaubenverein". Frau Mausolff, 1904 in Oberschöneweide geboren, bis zu ihrem Tode im Heimatforscherkreis, erzählte am 18.03. 1988: "Unsere Tauben wurden oft wöchentlich trainiert. Ich brachte acht bis zwölf Brieftauben per Hand und per S-Bahn nach Königs Wusterhausen. Von hier wurden sie losgelassen. Mein Mann hockte auf dem Laubendach und stoppte die Ankunftszeit. Meistens war es sehr aufregend." Ein anderer Brieftaubenverein hieß "Wiedersehen". Er schaffte seine Tauben vom Anhalter Bahnhof sogar nach Minden. Flogen sie dort um 4 Uhr frühmorgens los, konnten die hiesigen Besitzer die Tiere im Laufe des Vormittags auf ihren Laubendächern erwarten.

Die Kleingartenanlage "Am Freibad" hieß bei ihrer Gründung um 1911 "Vergnügte Landwirtschaft", später "Vorwärts". Das "Flußbad Wilhelmstrand" existierte bis Juli 1948. Es gibt noch Oberschöneweider, die sich gut an das Baden und Schwimmen hier erinnern. Auf diesem Terrain gab es dann u.a. ein sehr modernes und schönes Ruderhaus "Vorwärts", das leider auch den Bomben zum Opfer fiel. Heinrich Zille soll am Freibad ebenfalls gern gesessen und gezeichnet haben. Ihm zu Ehren wurde später eine Ulme gepflanzt. Heute ist nur noch ein abgesägter Stumpf zu sehen. Sehr interessant und aussagekräftig sind die alten Vereinsfahnen, sorgfältig und schön bestickt.

Auf der Fahne des "Pflanzvereins Wilhelmstrand" erkennt man deutlich in der Mitte den Apfelbaum, die Brücke als Verbindung nach Baumschulenweg (keine Fähre, sehr bemerkens- und nach-denkenswert!!) und die Gartenstreifen für Parzellen. Sogar das Museum in der Husemannstraße besitzt eine dieser kostbaren Fahnen.
In den 30er Jahren gab es auf dem Vereinsplatz der Wilhelmsträndler eine gemeinsame Rollstube. In dem Büchlein "90 Jahre Wilhelmstrand" ist zu lesen: "Die gemeinschaftliche Rollstube war ein beliebter Treffpunkt für Frauen. Nach anstrengender Handwäsche im Zuber oder in der Tonne und luftgetrocknet im Sommerwind des Gartens, wurde hier manch Korb Wäsche durch die Mangel gedreht. Oft eine gute Gelegenheit zum Schwätzchen über das Wetter, über die Familie, selten über die Weltlage."


1936 wurde links vom Eingang zum Vereinshaus "Wilhelmstrand" ein Bunker für ca. 300 Personen gebaut.Überwachsene Reste sind noch erkennbar. Die Bewohneran der Fähre und am Weg 7 hatten den Durchzug der russischen Armee von Karlshorst nach Berlin zu den letzten Kampfhandlungen hautnah erlebt.Dieses Laubengebiet kommt sogar in einem Buch "Frühjahr des Sieges und der Befreiung" von Generalleutnant Bokow, Mitglied des Kriegsrates der 5. Stoßarmee, die unter Generaloberst Bersarin wesentlich Anteil an der Befreiung Berlins hatte.








Er erwähnt am 23.4. 1945, dass südlich von Rummelsburg die Spree besonders breit ist. Die Matrosen erhielten den Auftrag, drei Übersetzstellen nach Baumschulenweg zu organisieren und das Anlanden sicherzustellen. Er nennt direkt die drei Stellen: "die Werft" (v. Brumm), "das Restaurant" (Spreeschlößchen an der Fähre) und "Badeanstalt Wilhelmstrand". Dann beschreibt er haargenau, wie am 23.4. um 1 Uhr die LKW von Karlshorst über Weg 7 zu den Übersetzstellen fuhren, wie schwer die Kämpfe während des Übersetzens auf der Spree waren, nennt sogar Tote und Verwundete mit Namen, und wie dann die Armeepioniere den Befehl erhielten, von der Fähre bis nach Baumschulenweg eine Schwimmbrücke zu errichten. Einige Zeitzeugen aus dem Laubengebiet haben in den letzten Jahren immer wieder davon berichtet. Es ist wirklich geschichtsträchtiger Boden, auf dem Schlimmes geschehen und sogar Blut geflossen ist. Durch Bomben und Kriegseinwirkungen wurden ca. 50 Lauben zerstört. Wo heute noch in der Nalepastraße das Zementwerk steht, waren im 2. Weltkrieg französische Kriegsgefangene und sogenannte Fremdarbeiter in Baracken auf dem Grundstück "Fürstenberg Häuserbau" untergebracht. Von hier wurde ab 1974/75 viele Jahre hindurch Tag und Nacht der Zement u.a. für den Aufbau Marzahn, Hellersdorf, Ahrensfelde gefahren. Die Bewohner der Helmholtzstraße und Fritz-Kirsch-Zeile könnten wohl noch heute "Störungslieder" singen, weil sie immer wieder fürchten mußten, daß die Lampen durch Erschütterungen herunterkommen, daß das Geschirr aus den Schränken springt.
Die Mentelinstraße war vor ihrer Wohnungsbebauung Ende der 50er Jahre nur ein Sandweg und hieß Dieselweg.
Schwesternstation Fuldaweg, Rundfunkhaus, Umspannwerk, Autohaus, Bootswerften, Fährbetrieb, Geselligkeitsvereine, Sport früher und heute, Rummel Piefke u.a. wären noch weitere lohnende Themen.
Wer kann aus eigenem Erleben, aus seinen Erfahrungen darüber berichten?
Das wäre sehr interessant, schön und für die Chronik nützlich.

Archivfotos: W. Krause
W. Krause